Illusionen – Wahrnehmungen und Lebensideen
Wahrnehmungen – Schutz vor einer Realität, die wir nicht ertragen können

Eine Frau erzählt seit Monaten im Freundeskreis, dass ihre Beziehung „gerade eine schwierige Phase durchmacht“. Wer genauer hinhört, bekommt mit, dass ihr Partner seit einem halben Jahr kaum noch zu Hause ist, auf Nachrichten stundenlang nicht antwortet und beim letzten gemeinsamen Abend mehr mit dem Handy als mit ihr geredet hat. Die Freundinnen tauschen inzwischen vielsagende Blicke aus, wenn wieder die Rede von der „Phase“ ist. Sie selbst hält an diesem Wort fest, als wäre es ein Rettungsring. Und ehrlich gesagt: In gewisser Weise ist es genau das.
Illusionen – Nicht jede Selbsttäuschung ist ein Fehler
Es gibt diesen weit verbreiteten Reflex, Selbsttäuschung grundsätzlich für etwas Peinliches zu halten – so, als wäre derjenige, der sich etwas vormacht, einfach zu blöd, die Wahrheit zu erkennen. Dabei übersieht man dabei ziemlich zuverlässig, welchen Job diese Selbsttäuschung gerade erledigt. Die Geschichte von der „schwierigen Phase“ ist nicht in erster Linie eine falsche Analyse der Beziehung. Sie ist ein Provisorium, das gerade so viel Stabilität liefert, wie nötig ist, um morgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und den Tag halbwegs zu überstehen.
Die Wahrheit – „meine Beziehung ist vermutlich vorbei“ – wäre in diesem Moment vielleicht korrekter. Sie wäre aber auch, mit Verlaub, ziemlich brutal, wenn man sie sich an einem Dienstagabend allein in der Küche eingestehen müsste, ohne Plan, was danach kommt. Manchmal braucht ein Mensch etwas Zeit, um sich an eine unangenehme Wahrheit heranzutasten, statt ihr sofort mit voller Wucht gegenüberzustehen.
Lebensideen – Der Trick mit dem „Es wird schon wieder“
Ähnliches passiert im Job. Jemand bekommt in einer Umstrukturierung eine deutlich schlechtere Position zugewiesen, redet sich aber wochenlang ein, das sei „nur vorübergehend“ und „die haben da sicher noch was Größeres mit mir vor“. Kollegen, die die Lage von außen betrachten, würden vermutlich sofort sagen: Das sieht nicht gut aus. Der Betroffene selbst braucht diese Zwischenstation aus gutem Grund. Ein Mensch, der sich morgens sagt „das wird schon wieder“, geht anders zur Arbeit als jemand, der sich jeden Tag aufs Neue eingesteht, dass er beruflich gerade komplett feststeckt.
Erst wenn diese Zwischenstation zu lange bewohnt wird, wird es problematisch – dann, wenn aus einer hilfreichen Verschnaufpause ein dauerhaftes Ausweichquartier wird, in dem man einfach wohnen bleibt, weil der Auszug so unangenehm wäre.
Verdrängung, die im Hintergrund läuft
Nicht jede Selbsttäuschung ist so laut wie eine ausformulierte Geschichte. Viel öfter läuft sie im Hintergrund. Ein Mensch bemerkt seit einer Weile ein unangenehmes Ziehen im Rücken, verschiebt den Arzttermin aber immer wieder, mit wechselnden guten Gründen. Eine Beziehung ist innerlich längst beendet, wird aber nach außen und sogar vor sich selbst noch als „eigentlich okay“ geführt, weil eine offizielle Trennung gerade zu viele andere Dinge durcheinanderbringen würde. Man weiß es in solchen Momenten oft irgendwo in sich – und schafft es trotzdem, tagelang, manchmal monatelang, so zu tun, als wüsste man es nicht.
Das ist selten reine Feigheit. Es ist eher eine Art innerer Dosierung: So viel Wahrheit gerade, wie sich verkraften lässt, und keinen Gramm mehr.
Wann der Rettungsring zum Ballast wird
Die eigentlich spannende Frage bei all dem ist nie, ob eine Illusion wahr ist – das ist sie in der Regel nicht, sonst wäre sie schließlich keine. Die interessante Frage lautet: Welche Funktion erfüllt sie gerade, und was passiert, wenn sie irgendwann bricht?
Bei manchen Menschen ist genau dieser Bruch der Moment, der endlich Bewegung in eine festgefahrene Situation bringt – die Trennung wird offiziell, der Arzttermin wird endlich gemacht, die Bewerbung wird endlich abgeschickt. Bei anderen fühlt sich derselbe Bruch an wie freier Fall, weil nichts da war, das sie stattdessen hätte auffangen können. Der Unterschied liegt selten in der Illusion selbst, sondern darin, was um sie herum an Unterstützung, Zeit und eigener Stabilität vorhanden ist, wenn sie irgendwann nicht mehr trägt.
Kein Grund, sich für den Rettungsring zu schämen
Wer sich also gerade dabei ertappt, eine unangenehme Realität ein bisschen freundlicher zu erzählen, als sie eigentlich ist, muss sich dafür nicht sofort selbst kritisieren. Das ist kein Charakterfehler, sondern etwas, das ziemlich viele Menschen in schwierigen Phasen tun – nur eben selten offen zugeben.
Interessant wird es erst bei der Frage, die man sich in ruhigeren Momenten stellen kann, wenn gerade kein akuter Druck herrscht: Halte ich gerade an einer Geschichte fest, weil ich noch etwas Zeit brauche, um mich an das Eigentliche heranzutasten – oder halte ich schon länger an ihr fest, als sie mir eigentlich noch guttut? Eine einfache Antwort gibt es darauf selten. Aber allein die Frage ehrlich zuzulassen, ist meistens schon der erste kleine Schritt aus der „schwierigen Phase“ heraus, ganz gleich, wie lange die am Ende tatsächlich gedauert hat.

