Bild vom Partner
Beziehung – Wenn man jemanden nicht mehr im Hier und Jetzt sieht

Beim Abendessen erzählt der Partner, dass er sich beim nächsten Firmenevent freiwillig gemeldet hat, eine kurze Präsentation zu halten. Die spontane Reaktion am Tisch: „Du? Vor Leuten reden? Seit wann das denn?“ Dabei war derjenige, der da fragt, vor zwölf Jahren mal mit jemandem zusammengekommen, der tatsächlich ungern vor Gruppen sprach. Nur ist das eben zwölf Jahre her. Der Mensch am Tisch heute hat in der Zwischenzeit zwei Jobwechsel, eine Weiterbildung und diverse Teammeetings hinter sich und ist überhaupt nicht mehr derselbe schüchterne Typ von damals. Nur weiß das offenbar noch niemand am eigenen Esstisch.
Partnerschaft – Ein Foto, das man für die Person selbst hält
Wenn man jemanden lange genug kennt, entsteht irgendwann ein festes Bild von ihm. Praktisch ist das durchaus: Man muss nicht bei jeder Begegnung von null anfangen, sondern kann auf eine Art inneres Nachschlagewerk zurückgreifen – so ist er halt, das mag sie nicht, damit kommt er gar nicht klar. Das Problem an diesem Nachschlagewerk ist nur: Es wird selten aktualisiert. Es bleibt ungefähr auf dem Stand von vor fünf, acht oder zwölf Jahren stehen, während die reale Person daneben munter weiter existiert, sich verändert, neue Dinge ausprobiert und alte Ängste vielleicht längst abgelegt hat.
Das Tückische daran: Man merkt es selbst kaum. Für einen selbst fühlt es sich nicht so an, als würde man mit einem veralteten Bild hantieren. Es fühlt sich einfach so an, als würde man die Person kennen. Man hat ja schließlich jahrelange Erfahrung mit ihr. Und da gab ihn – damals – den ersten Eindruck.
Bild vom Partner – Wie das alte Bild sich hartnäckig hält
Besonders zäh wird dieses alte Bild, weil es sich selbst am Leben hält. Verhält sich der Partner mal genau so, wie man es erwartet – schüchtern, chaotisch, sparsam, wie auch immer die Rolle lautet –, wird das als Bestätigung abgehakt: Siehst du, genau wie immer. Verhält er sich dagegen völlig anders, etwa hält er plötzlich eine Präsentation vor fünfzig Kollegen, wird das eher als kurioser Einzelfall verbucht als als Anlass, das ganze Bild zu überdenken. „Na, das war aber mal eine Ausnahme“ klingt entspannter, als zuzugeben, dass man den Menschen neben sich seit Jahren mit einem inzwischen ziemlich unscharfen Foto verwechselt.
Ähnlich läuft es bei Vorlieben und Abneigungen. „Der isst doch keinen Fisch“ – stimmt vielleicht noch aus dem Jahr, in dem man sich kennengelernt hat. Mittlerweile mag er ihn, hat es aber nie richtig erwähnt, weil im gemeinsamen Alltag ohnehin nie Fisch auf dem Tisch landet. Warum auch – schließlich isst er ja keinen Fisch.
Die Bequemlichkeit hinter dem alten Bild
Wenn man ehrlich ist, hat das Festhalten am alten Bild auch ziemlich praktische Gründe. Jemanden immer wieder neu kennenzulernen kostet Aufmerksamkeit und Energie. Es ist erheblich bequemer, auf die gespeicherte Version zurückzugreifen, als bei jedem Gespräch offen zu bleiben für die Möglichkeit, dass sich gerade etwas verändert hat. Ein Partner, der „einfach so ist, wie er ist“, ist in gewisser Weise auch ein Partner, über den man sich keine Gedanken mehr machen muss. Das nimmt Druck raus – kostet aber eben auch, dass man den echten, aktuellen Menschen neben sich immer seltener wirklich zu Gesicht bekommt.
Bei sehr langen Beziehungen kann das dazu führen, dass beide Seiten im Grunde mit zwei Gespenstern zusammenleben: mit dem inneren Bild, das man vom anderen mit sich herumträgt, und ganz nebenbei auch noch mit dem tatsächlichen Menschen, der immer wieder versucht, sich bemerkbar zu machen.
Beziehung – Kleine Momente, die das alte Bild ins Wanken bringen
Manchmal reicht eine einzige Situation, damit das alte Bild kurz Risse bekommt. Der Partner, der angeblich nie kochen wollte, steht plötzlich mit Rezeptheft in der Küche. Die Person, die sich „noch nie für Sport interessiert hat“, meldet sich beim Volleyball an. In solchen Momenten gibt es meistens zwei Reaktionen zur Auswahl: entweder überrascht „ach interessant, seit wann das denn“ sagen und wirklich neugierig nachfragen – oder das Ganze mit einem müden „na, mal sehen wie lange das hält“ abtun und zurück ins alte Bild flüchten.
Die erste Reaktion ist anstrengender, weil sie bedeutet, das eigene Nachschlagewerk tatsächlich zu überarbeiten. Die zweite ist bequemer, aber sie sorgt eben auch dafür, dass man Jahr für Jahr ein Stück weiter von der Person entfernt lebt, mit der man eigentlich zusammen ist.
Kein Drama, nur eine kleine Erinnerung
Das alte Bild vom Partner ist selten böse gemeint. Niemand hält absichtlich an einer veralteten Version fest, um dem anderen eins auszuwischen. Es passiert einfach, weil Beobachten anstrengender ist als Erinnern, und weil ein einmal fertiges Bild sich enorm bequem anfühlt.
Ab und zu lohnt es sich trotzdem, das eigene Nachschlagewerk kurz zu überprüfen. Nicht mit einer großen Beziehungsanalyse am Küchentisch, sondern einfach mit echtem Interesse an der Frage: Wer sitzt hier eigentlich gerade tatsächlich neben mir – und stimmt mein Bild davon überhaupt noch, oder ist das längst nur noch ein Foto aus einem Jahr, an das sich sonst kaum noch jemand erinnert?
Es gibt verschiedener Bild in unserem Leben – auch bezogen auf eine Partnerschaft. Einerseits das Bild von uns selbst und dann dieses Bild von unserem Partner. Auch diesbezüglich gibt es diese Gedanken und auch Bewertungen.

