Selbstvertrauen hat eine Geschichte: So wächst Vertrauen

Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten
Selbstvertrauen klingt oft nach etwas, das man einfach haben muss. „Glaub an dich“, „Du kannst das“ oder „Du musst nur selbstbewusst auftreten“ sind schnell gesagt. Nur helfen solche Sätze wenig, wenn man gerade vor einer Aufgabe steht und sich ehrlich fragt, ob man sie überhaupt bewältigen kann. Vertrauen in sich selbst entsteht schließlich nicht allein durch gute Vorsätze. Es wächst vor allem durch das, was man erlebt hat und auch durch das Bild, das wir von uns selbst haben.
Wer schon einmal eine schwierige Situation gemeistert hat, trägt diese Erfahrung mit sich. Beim nächsten Problem ist vielleicht noch Unsicherheit da, aber irgendwo im Hinterkopf existiert auch die Erinnerung: Das war damals schwierig, und trotzdem habe ich es geschafft. Genau solche Erfahrungen können mit der Zeit etwas aufbauen, das wesentlich stabiler ist als ein aufgesagter Motivationsspruch.
Selbstvertrauen hat eine Geschichte
Niemand kommt mit einem fertigen Vorrat an Selbstvertrauen auf die Welt, der anschließend nur noch abgerufen werden muss. Im Laufe des Lebens sammeln wir Erfahrungen darüber, was wir können, was uns schwerfällt und wie wir mit Schwierigkeiten umgehen.
Ein Kind, das zum ersten Mal Fahrrad fährt, fällt möglicherweise hin. Beim nächsten Versuch klappt es ein bisschen besser. Irgendwann fährt es allein. Jahre später denkt es beim Fahrradfahren nicht mehr darüber nach, wie schwierig die ersten Meter waren. Die Erfahrung ist einfach da. Ähnlich funktioniert es bei vielen anderen Dingen. Ein schwieriges Gespräch wurde geführt. Die berufliche Herausforderung wurde bewältigt. Eine Krise wurde überstanden. Das Problem, das zunächst unlösbar erschien, wurde durch uns doch gelöst. Solche Erlebnisse werden zu einer Art innerem Erfahrungsschatz.
Dabei entsteht Selbstvertrauen nicht unbedingt aus dem Gefühl: „Ich kann alles.“ Viel realistischer ist: „Ich weiß nicht genau, was auf mich zukommt, aber ich habe schon öfter erlebt, dass ich mit schwierigen Dingen zurechtkommen kann.“ Das ist ein anderes Verständnis von Vertrauen in sich selbst. Es braucht keine Übertreibung.
Fehler gehören dazu
Interessanterweise können ausgerechnet einzelne Misserfolge dieses Vertrauen empfindlich treffen. Wer zehn Dinge gut bewältigt und bei der elften Aufgabe scheitert, müsste theoretisch auf eine ganze Reihe positiver Erfahrungen zurückblicken können. Trotzdem kann genau dieser eine Fehler plötzlich alles überlagern.
„Das habe ich nicht geschafft.“ Daraus wird schnell: „Vielleicht kann ich das überhaupt nicht.“
Und manchmal geht der Gedanke noch weiter: „Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug.“
Aus einem einzelnen Erlebnis wird dadurch eine Aussage über die eigene Person. Das Problem liegt nicht unbedingt darin, dass der Misserfolg falsch wahrgenommen wird. Er ist tatsächlich passiert. Man hat eine Aufgabe nicht geschafft, eine Entscheidung bereut oder einen Fehler gemacht. Schwieriger wird es, wenn diesem einen Erlebnis eine Bedeutung gegeben wird, die weit über das eigentliche Ereignis hinausgeht.
Ein Fehler kann bedeuten: „Das hat diesmal nicht funktioniert.“
Er muss nicht automatisch bedeuten: „Ich bin jemand, der so etwas nicht kann.“
Warum Erfahrung nicht vor jedem Zweifel schützt
Lebenserfahrung macht einen Menschen nicht unverwundbar gegenüber Selbstzweifeln. Auch jemand, der schon viel erlebt und schwierige Situationen bewältigt hat, kann plötzlich an sich zweifeln. Eine neue Aufgabe kann völlig anders sein als alles, was man bisher kennt. Eine Niederlage kann unerwartet kommen. Vielleicht geht etwas schief, obwohl man überzeugt war, alles richtig gemacht zu haben. Dann gerät das bisherige Bild von sich selbst ins Wanken.
Besonders nach einem deutlichen Misserfolg kann die Erinnerung an frühere Erfolge erstaunlich weit weg erscheinen. Man weiß zwar, dass man schon vieles geschafft hat, aber emotional fühlt es sich gerade nicht so an. Das zeigt, dass Selbstvertrauen nicht nur aus einer Liste vergangener Erfolge besteht. Entscheidend ist auch, welche Bedeutung wir diesen Erfahrungen geben.
Wer seine Erfolge als Glück, Zufall oder Ausnahme betrachtet und jeden Fehler als Beweis für eigenes Versagen, baut trotz vieler guter Erfahrungen nur schwer Vertrauen in sich selbst auf. Und manchmal entsteht auch Angst – die Ängste vor dem Scheitern, oder, dass wir uns blamieren könnten. Daraus entstehen wieder Unsicherheit. Denn unsere Gedanken sind dabei genauso wichtig, wie mutig zu bleiben.
Was wir aus unseren Erfahrungen machen
Zwei Menschen können dieselbe Erfahrung machen und etwas völlig Unterschiedliches daraus mitnehmen. Der eine scheitert bei einer Aufgabe und denkt: „Das war nichts für mich. Beim nächsten Mal muss ich anders herangehen.“ Der andere erlebt denselben Misserfolg und denkt: „Ich wusste es. Ich kann das einfach nicht.“ Das Ereignis ist identisch. Die Geschichte, die daraus entsteht, ist es nicht.
Hier zeigt sich ein wichtiger Gedanke: Unser Leben besteht nicht nur aus dem, was tatsächlich passiert. Auch die Gedanken und Bedeutungen, die wir mit unseren Erfahrungen verbinden, beeinflussen, wie wir uns selbst und unsere Möglichkeiten später wahrnehmen.
Lebenserfahrung kann deshalb in beide Richtungen wirken. Sie kann Vertrauen schaffen, wenn wir erkennen, dass wir Schwierigkeiten bewältigt haben. Sie kann aber auch Zweifel verstärken, wenn einzelne Erfahrungen zu einem festen Urteil über die eigene Person werden.
Selbstvertrauen bedeutet nicht, nie wieder zu zweifeln
Vielleicht wäre es ohnehin eine falsche Vorstellung, Selbstvertrauen daran zu messen, wie selten jemand an sich zweifelt. Zweifel gehören zum menschlichen Leben. Vor einer wichtigen Entscheidung können sie auftauchen. Bei einem Neuanfang ebenso. Selbst Menschen, die nach außen sehr sicher wirken, können innerlich überlegen, ob sie der Aufgabe gewachsen sind. Selbstvertrauen zeigt sich deshalb nicht unbedingt darin, dass Zweifel verschwinden. Es kann sich darin zeigen, wie viel Gewicht diese Zweifel bekommen.
Wer nach einem Fehler sofort sein gesamtes Können infrage stellt, lässt einer einzelnen Erfahrung sehr viel Macht. Wer dagegen sagen kann: „Das hat nicht funktioniert. Ich muss herausfinden, woran es lag“, hält die eigene Geschichte offen. Damit bleibt auch die Möglichkeit erhalten, wieder etwas zu lernen.
Vertrauen wächst manchmal erst im Rückblick
Manche Formen von Selbstvertrauen erkennt man überhaupt erst später. Während einer schwierigen Lebensphase fühlt man sich vielleicht alles andere als stark. Man funktioniert, macht weiter, trifft Entscheidungen und versucht, den Alltag irgendwie zu bewältigen. Erst Jahre später wird einem bewusst, was man damals eigentlich geleistet hat. Rückblickend sieht manches anders aus.
Eine Situation, die man damals nur als Belastung erlebt hat, kann später auch als Erfahrung erscheinen, an der man gewachsen ist. Nicht weil die schwierige Zeit plötzlich gut gewesen wäre, sondern weil man heute weiß: Ich bin da durchgekommen. Solche Erfahrungen lassen sich nicht nachholen. Sie sind bereits Teil des eigenen Lebens.
Vielleicht ist genau das der Wert von Lebenserfahrung: Sie liefert keine Garantie für die Zukunft, aber sie erinnert daran, dass die eigene Geschichte bereits aus vielen Situationen besteht, die einmal neu, unsicher oder schwierig waren. Und trotzdem sind sie heute Vergangenheit.
So wächst Vertrauen – Ein realistisches Vertrauen in sich selbst
Selbstvertrauen muss deshalb gar nicht laut sein. Es muss nicht bedeuten, besonders selbstbewusst aufzutreten, immer eine Antwort zu haben oder sich selbst ständig davon zu überzeugen, großartig zu sein. Ein ruhigeres Vertrauen kann viel tragfähiger sein.
„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Aber ich weiß, dass ich schon andere schwierige Dinge geschafft habe.“
Darin steckt keine Garantie. Es bleibt offen, wie eine neue Situation ausgeht. Genau deshalb ist dieser Gedanke glaubwürdiger als ein pauschales „Ich kann alles“.
Lebenserfahrung verändert die eigene Sicht auf Schwierigkeiten. Nicht jede neue Aufgabe wird dadurch leicht. Aber vielleicht muss sie das auch gar nicht sein. Man kann unsicher sein und trotzdem handeln. Wir dürfen einen Fehler machen und trotzdem weitergehen. Auch das Scheitern gehört dazu, ohne aus diesem Scheitern eine endgültige Beschreibung der eigenen Person zu machen. Selbstvertrauen entsteht dann nicht aus dem Versuch, sich selbst ständig einzureden, wie stark man ist.
Es entsteht aus dem eigenen Leben. Aus Dingen, die funktioniert haben. Genauso aus Entscheidungen, die richtig waren, und solchen, die man heute anders treffen würde. Aus schwierigen Zeiten, die irgendwann vorübergingen. Vielleicht ist echtes Selbstvertrauen deshalb weniger der Glaube daran, alles zu können, als das Vertrauen darauf, mit dem eigenen Leben umgehen zu können – auch dann, wenn nicht alles gelingt.

