Über das Ich – Ich war schon immer so

Gedanken – Wie alte Selbstbilder sich halten, obwohl sie nicht mehr stimmen

Ich war schon immer so

Bei der Hochzeit seiner Schwester wehrt sich ein Mann wochenlang gegen die Bitte, doch ein paar Worte zu sagen: „Ich halte keine Reden, das ist einfach nicht mein Ding, das war ich noch nie.“ Am Abend selbst steht er dann doch mit dem Glas in der Hand da, hält eine Rede, die halb den Saal zum Lachen und halb zu Tränen rührt, und wird den ganzen Abend über dafür gefeiert. Zwei Monate später, beim nächsten runden Geburtstag in der Familie, sagt derselbe Mann wieder: „Nee, ich rede nicht gern vor Leuten, das war schon immer so.“

Herzlich willkommen bei einem der stabilsten Möbelstücke der menschlichen Persönlichkeit: dem alten Selbstbild, das sich einfach weigert umzuziehen, selbst wenn längst Beweise für das Gegenteil im Raum stehen.

Selbstbild – Ein Etikett, das man sich selbst aufklebt

Irgendwann im Leben – oft schon ziemlich früh – klebt man sich selbst ein paar Etiketten auf. „Ich bin der Vernünftige.“ „Ich bin nicht kreativ.“ „Ich rede nicht gern vor Leuten.“ „Ich war schon immer schüchtern.“ Diese Etiketten entstehen selten durch eine gründliche Bestandsaufnahme. Meistens reicht eine einzige prägende Situation, ein Kommentar aus der Familie, eine Rolle, die man als Kind mal innehatte – und schon klebt das Etikett, oft für Jahrzehnte.

Das eigentlich Kuriose daran: Man behandelt dieses Etikett danach wie eine feststehende Tatsache über sich selbst, ähnlich wie die Augenfarbe oder die Schuhgröße. Dabei ist es eher wie ein sehr altes Poster im eigenen Zimmer, das man mit sechzehn aufgehängt hat und seitdem nie wieder abgenommen hat, obwohl der eigene Geschmack sich längst geändert hat.

Warum das Etikett so hartnäckig klebt

Ein Grund, warum diese alten Selbstbilder so zäh sind: Sie machen das Leben angenehm vorhersehbar. Wer von sich sagt „ich rede nicht gern vor Leuten“, muss sich nie wieder mit der unangenehmen Möglichkeit auseinandersetzen, dass eine Rede danebengehen könnte. Das Etikett schützt einen vor diesem Risiko – zumindest in der eigenen Vorstellung, denn im Zweifel meldet man sich für solche Momente ja gar nicht erst freiwillig.

Hinzu kommt: Ein Selbstbild, das man jahrelang mit sich herumträgt, fühlt sich einfach vertraut an. Sich selbst infrage zu stellen kostet Energie und bringt ein gewisses Maß an Unsicherheit mit sich. Da ist es deutlich bequemer, am altbekannten „so bin ich halt“ festzuhalten, als sich einzugestehen, dass man sich in den letzten zehn oder zwanzig Jahren eigentlich ziemlich verändert hat.

Die Beweisführung, die nie stattfindet

Besonders praktisch für das alte Selbstbild: Es wird so gut wie nie wirklich überprüft. Stattdessen sammelt der Kopf im Hintergrund fleißig Bestätigung und wenn ein Beweis partout nicht ins Bild passen will, wird er kurzerhand zur Ausnahme erklärt. Die gelungene Hochzeitsrede? „War halt ein besonderer Moment, das zählt nicht.“ Der lockere Wortbeitrag im Meeting letzte Woche? „Musste halt sein, war ja kurz.“ Das Etikett bleibt so in jeder erdenklichen Situation unangetastet – ganz gleich, was tatsächlich passiert, weil jede unpassende Erfahrung fein säuberlich als Sonderfall aussortiert wird.

Ähnlich läuft es beim Thema Kreativität. Wer sich einmal als „nicht kreativ“ abgestempelt hat, übersieht gerne, dass er jeden Sonntag ein aufwendiges Essen plant, das Gästezimmer eigenhändig umgestaltet hat oder in der Arbeit ständig pragmatische Lösungen für Probleme findet, für die es keine Vorlage gab. All das zählt in der eigenen Wahrnehmung offenbar nicht als kreativ – kreativ ist ja bekanntlich nur, was die anderen machen.

Wenn andere das alte Bild munter mitpflegen

Richtig zäh wird ein altes Selbstbild, wenn das gesamte Umfeld eifrig mitmacht. Die Familie erinnert sich noch gut an den zurückhaltenden Teenager von früher und ist entsprechend überrascht, wenn genau der jetzt mühelos einen Saal voller Hochzeitsgäste unterhält. Alte Schulfreunde begegnen einem noch dreißig Jahre später mit demselben Spitznamen, der auf eine längst überwundene Marotte anspielt. Man selbst rutscht in solchen Momenten oft ganz automatisch zurück in die alte Rolle – nicht, weil man sich wirklich so fühlt, sondern weil das Umfeld genau dieses Verhalten offenbar erwartet, und es fällt leichter, kurz mitzuspielen, als die ganze Runde von der aktuellen Version zu überzeugen.

Ein Blick ins eigene Poster-Archiv

Ab und zu lohnt es sich, das eigene Zimmer der Selbstbilder zu betreten und nachzuschauen, welche Poster da eigentlich noch hängen und ob sie überhaupt noch zum aktuellen Bewohner passen. Die Zeit im Rückblick betrachten. Man muss dafür keine große Selbstfindungsreise antreten. Es reicht schon, sich bei der nächsten Gelegenheit, in der man reflexartig „das bin einfach nicht ich“ sagt, kurz zu fragen: Stimmt das eigentlich noch, oder hänge ich hier gerade nur einem alten Poster hinterher, weil es unbequem wäre, es endlich abzunehmen?

Manchmal stellt sich dabei heraus, dass das alte Bild tatsächlich noch ziemlich gut passt. Und manchmal steht man mit dem Sektglas in der Hand, mitten in einer Rede, die den ganzen Saal berührt hat, und merkt: Der Mensch, der angeblich „so etwas noch nie gemacht hat“, ist offenbar schon seit einer Weile nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand über sich selbst.

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