Zeit im Rückblick
Die Zeit, in der ich am meisten gelernt habe

Auf jeder zweiten Familienfeier gibt es diesen einen Moment, in dem jemand von der beruflichen Durststrecke vor zehn Jahren erzählt – der gekündigte Job, die zähen Monate ohne neue Stelle, die Kontoauszüge, die man lieber nicht so genau angeschaut hat. Erzählt wird das inzwischen mit einem gewissen Stolz in der Stimme, fast wie eine Heldenreise: „Rückblickend war das die beste Zeit meines Lebens, da hab ich am meisten über mich gelernt.“ Fragt man dieselbe Person, wie sie sich damals, mitten in dieser Zeit, tatsächlich gefühlt hat, kommt meistens eine deutlich weniger inspirierende Antwort: beschissen, ehrlich gesagt. Beide Sätze stammen von derselben Person, über dasselbe Ereignis. Nur eben zu unterschiedlichen Zeitpunkten erzählt.
Zeit im Rückblick – Der Kalender lügt nicht, das Gefühl schon eher
Objektiv betrachtet hat sich an diesen zehn Jahre zurückliegenden Monaten nichts mehr verändert. Die Kündigung ist gekündigt geblieben, die Kontoauszüge waren, wie sie waren. Trotzdem hat sich die Bedeutung dieser Zeit komplett gedreht. Mitten in der Krise fühlte sie sich wie der Anfang vom Ende an. Heute wird genau dieselbe Phase als der Wendepunkt verkauft, an dem alles Wichtige angefangen hat.
Das liegt nicht daran, dass die Erinnerung besonders kreativ lügt. Es liegt eher daran, dass jede Geschichte, die man sich selbst über die eigene Vergangenheit erzählt, von dem Ort aus geschrieben wird, an dem man gerade steht. Wer heute einen Job hat, der einigermaßen passt, kann sich die alte Durststrecke leisten als spannende Vorgeschichte zu erzählen. Wäre die Situation heute immer noch verfahren, würde dieselbe Zeit vermutlich ganz anders klingen – nämlich einfach nur nach „war schon immer schwierig bei mir“.
Warum eine gute Rückschau besser ist als eine ehrliche
Aus rein psychohygienischer Sicht ist dieses Umschreiben ziemlich praktisch. Eine anstrengende Lebensphase als „verschwendete Zeit“ abzuspeichern, fühlt sich mies an und bringt nicht besonders viel. Dieselbe Zeit dagegen als notwendige Lernphase zu verbuchen, fühlt sich nach Fortschritt an – als hätte das Leben ein Konzept verfolgt und nicht einfach nur wild um sich geschlagen.
Ganz nebenbei macht das auch beim Erzählen mehr her. „Ich hatte einfach zehn Monate Pech“ ist als Satz relativ unbefriedigend. „Diese Zeit hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin“ klingt dagegen nach einer Geschichte mit Moral, mit der man sich auf Familienfeiern deutlich wohler fühlt als mit der schlichten Wahrheit, dass es einfach eine Weile richtig mies lief.
Zwanzig und die Katastrophe, vierzig und die Randnotiz
Zeitliche Distanz macht offenbar generell großzügig. Mit zwanzig kann eine abgesagte Verabredung sich anfühlen wie das Ende aller Möglichkeiten. Mit vierzig erinnert man sich bestenfalls noch an einen ungefähren Vornamen, falls überhaupt. Ähnlich verläuft es bei größeren Krisen: Eine Trennung, die sich mitten drin wie der Untergang der gesamten Zukunftsplanung anfühlte, bekommt zehn Jahre später oft einen Nebensatz zugeteilt – „ach ja, das war die Zeit mit XY, ganz gut, dass das vorbei ist“ – manchmal sogar mit einem kleinen Dankbarkeitston, weil dadurch ja bekanntlich der Weg für etwas anderes frei wurde.
Das eigentliche Ereignis bleibt dabei unverändert. Es hat sich nicht rückwirkend als weniger schlimm herausgestellt. Verändert hat sich einzig der Abstand, aus dem man draufschaut – und mit dem Abstand offenbar auch das Urteil.
Die Gefahr, die Krise zu sehr zu glorifizieren
So hilfreich diese nachträgliche Umdeutung sein kann, hat sie auch eine unangenehme Nebenwirkung: Manche Menschen fangen irgendwann an, jede schwierige Phase im Voraus als notwendige Lernerfahrung zu verkaufen – auch während sie noch mittendrin stecken. „Ich sehe das als Wachstumschance“ klingt in der akuten Krise häufig eher nach Durchhalteparole als nach ehrlicher Einschätzung. Manchmal ist eine schwere Zeit erstmal einfach nur eine schwere Zeit, ohne versteckte pädagogische Botschaft, und das darf sie auch sein, ohne dass man sofort eine positive Verpackung drum herum bauen muss.
Der Trick besteht eher darin, im Nachhinein ehrlich beides stehen zu lassen: Ja, es war damals wirklich hart, und ja, im Rückblick hat sich einiges daraus ergeben, das man heute nicht missen möchte. Beides gleichzeitig zu denken fällt vielen schwerer, als sich für die eine oder die andere Version zu entscheiden.
Was daraus für heute folgt
Wer sich das Prinzip einmal bewusst macht, kann es immerhin gelegentlich gegen sich selbst verwenden – im positiven Sinn. Steckt man gerade mitten in einer Phase, die sich furchtbar anfühlt, kann ein kurzer gedanklicher Sprung nach vorne helfen: Wie werde ich vermutlich in zehn Jahren über genau das hier reden? Die ehrliche Antwort lautet oft: milder, versöhnlicher, vielleicht sogar mit einem gewissen Stolz in der Stimme.
Das macht die aktuelle Situation nicht automatisch leichter zu ertragen. Aber es kann daran erinnern, dass die Bedeutung eines Ereignisses nicht für immer feststeht, nur weil sie sich gerade so anfühlt, als wäre das Urteil längst gefällt.

