Mensch im Kopf – Menschen denken immer

Du kennst diesen Menschen, sagst du und weißt, wie er reagieren würde, wenn du ihm schreibst. Du weißt, was er von dir hält, und du weißt sogar, was er wirklich meint, wenn er etwas anderes sagt. Nur, woher weißt du das eigentlich? Von ihm selbst hast du dafür ziemlich wenig bekommen.
Der Mensch, den du im Kopf hast, ist nämlich nicht derselbe wie der, der wirklich existiert. Ein Teil davon stimmt, das, was er tatsächlich gesagt und getan hat. Der Rest stammt von dir. Und dieser Rest ist meistens der größere Teil, auch wenn er sich für dich nicht so anfühlt.
Gedanken – der Mensch in unserem Kopf
Von einem Menschen bekommst du meistens erstaunlich wenig mit. Ein Satz. Der Blick. Ein Schweigen zur falschen Zeit. Mehr liefert eine Begegnung selten.
Trotzdem reicht dir das, um dir eine Meinung zu bilden, und zwar sofort. Warum schweigt er? Ist er sauer? Gelangweilt? Denkt er einfach an etwas anderes? Du entscheidest dich für eine Antwort, meistens innerhalb von Sekunden, und danach ist die Sache für dich erledigt.
Aus einer Handlung von zwei Sekunden wird so ein festes Urteil über den Charakter von jemandem. Die Handlung selbst kommt von ihm. Was du daraus machst, kommt komplett von dir. Das Problem dabei: Beides fühlt sich für dich gleich sicher an. Du kannst im Nachhinein nicht mehr unterscheiden, was du wirklich gesehen hast und was du dir dazugedacht hast. Es ist einfach alles „das, was er ist“.
Das Urteil steht dabei meistens schon, bevor du überhaupt richtig darüber nachgedacht hast. Erst hinterher, wenn überhaupt, fragst du dich, ob es dafür eigentlich genug Grundlage gab. Meistens fragst du dich das gar nicht, weil sich die Sache längst erledigt anfühlt.
Gedanken und Vermutungen
Und diese Vermutung kommt nicht aus dem Nichts. Sie kommt aus deiner eigenen Geschichte, aus Erfahrungen mit ganz anderen Menschen, die mit der aktuellen Situation nichts zu tun haben.
Wurdest du in der Vergangenheit oft übergangen, hörst du in einem Schweigen schnell Ablehnung heraus. Bist du entspannt unterwegs, vermutest du dahinter eher, dass er müde ist oder gerade woanders mit den Gedanken. Der andere Mensch hat in beiden Fällen dasselbe getan: nichts gesagt. Was du daraus machst, ist trotzdem jedes Mal etwas anderes.
Vom echten Menschen übernimmst du eigentlich nur das Gesicht, die Stimme, die Art, wie er sich bewegt. Alles, was du ihm an Absicht oder Charakter zuschreibst, kommt aus deinen eigenen Erfahrungen, deiner eigenen Unsicherheit oder deinem eigenen Selbstbewusstsein. Du machst dir den anderen so, wie du selbst gerade drauf bist, nicht so, wie er tatsächlich ist.
Deshalb können zwei Leute über dieselbe Person reden und trotzdem über zwei verschiedene Menschen sprechen. Der eine hält ihn für großzügig. Der andere für berechnend. Beide meinen denselben Namen, dieselben Beobachtungen sogar. Nur was jeder selbst dazugedacht hat, war komplett unterschiedlich. Und beide sind sich völlig sicher, dass sie recht haben.
Fragst du sie, woher sie das so genau wissen, bekommst du in beiden Fällen eine überzeugende Antwort mit konkreten Beispielen. Nur eben zwei völlig verschiedene Antworten über ein und dieselbe Person.
Wenn dieses Bild ein Eigenleben führt
Steht dieses Bild von jemandem erst einmal fest, braucht es den echten Menschen oft gar nicht mehr, um bei dir etwas auszulösen.
Du führst Streitgespräche mit Leuten, die davon nichts wissen. Denkst dir aus, was du ihnen entgegnen würdest, ärgerst dich über eine Bemerkung, die so nie gefallen ist, und der Ärger, den du dabei spürst, ist völlig echt. Die betreffende Person liegt vielleicht gerade entspannt auf dem Sofa und denkt an gar nichts, geschweige denn an dich.
Dieses Bild läuft völlig unabhängig weiter, ganz ohne dass draußen ein Wort gefallen wäre. Es tut zuverlässig genau das, was du ihm vorher zugetraut hast. Du reagierst auf etwas, das du selbst am Laufen hältst.
Das geht auch mit Menschen, die es gar nicht mehr gibt, oder mit solchen, die du noch nie getroffen hast. Ein Verstorbener kann in deinem Kopf weiter mitreden. Ein Prominenter, den du nur aus dem Fernsehen kennst, fühlt sich für dich vertraut an, als würdest du ihn wirklich kennen. In beiden Fällen ist da niemand, der etwas zurückmelden könnte. Das Bild bleibt sich selbst überlassen.
Wenn das Bild auf den echten Menschen trifft
Unangenehm wird es, wenn du diesem Bild anschließend wieder in echt begegnest. Du begegnest ihm dann nicht neutral, sondern mit allem, was du dir vorher schon zusammengedacht hast.
Vielleicht bist du kühler oder gereizter, als die Situation eigentlich hergibt. Der andere merkt das, und reagiert entsprechend irritiert, vielleicht ebenfalls kühl. Und für dich ist das die Bestätigung: Siehst du, genau so ist er.
Dass du selbst den Ton vorgegeben hast, mit einem Bild aus deinem Kopf und nicht mit dem, was tatsächlich gerade passiert, fällt dabei komplett unter den Tisch. Du behandelst den anderen so lange nach deinem Bild von ihm, bis er sich tatsächlich so verhält, wie du es erwartet hast. Und hältst am Ende dein eigenes Zutun für den Beweis, dass du von Anfang an recht hattest.
Was von dir selbst kommt
Schwierig ist es, diesen eigenen Anteil überhaupt zu bemerken. Zu sehen, wo das, was du wirklich beobachtet hast, aufhört und wo das anfängt, was du dir selbst ausgemalt hast. Diese Grenze ist in deinem Kopf nicht markiert. Beides fühlt sich gleich sicher an.
Der echte Mensch stimmt nie hundertprozentig mit deinem Bild von ihm überein. Er ist widersprüchlicher und in vielem anders, als du ihn dir vorstellst. Er hat Gedanken, auf die du nie kommen würdest, und Gründe für sein Verhalten, die mit dir gar nichts zu tun haben, so überzeugt du auch vom Gegenteil bist.
Ein fertiges Bild von jemandem ist bequem, das muss man zugeben. Es erspart dir die Arbeit, jemanden immer wieder neu einzuschätzen. Es bleibt aber trotzdem genau das: dein eigenes Bild, mit dem echten Menschen nur als Namensgeber dafür.
Das heißt nicht, dass du bei jeder Begegnung bei null anfangen müsstest. Erfahrung ist nicht das Problem. Das Problem ist eher, wie sicher sich das anfühlt, was aus dieser Erfahrung entsteht. Es fühlt sich an wie Wissen über den anderen. Meistens ist es vor allem Wissen über dich selbst. Und ja ich habe das schon oft selbst erlebt, eigentlich täglich. Dessen bewusst zu werden ist für uns gar nich so einfach.

