Bild von uns – Warum wir uns selbst selten so sehen, wie andere uns sehen

Bild von uns - Warum wir uns selbst selten so sehen, wie andere uns sehen

Du hast ein Bild von dir selbst. Diszipliniert oder eher chaotisch, humorvoll oder eher zurückhaltend, gut in bestimmten Dingen und schlecht in anderen. Dieses Bild fühlt sich an wie eine Tatsache über dich. Dabei ist es genauso eine Konstruktion wie das Bild, das du dir von anderen Menschen machst, nur dass du diesmal selbst das Modell dafür bist.

Fragst du enge Bekannte, wie sie dich beschreiben würden, bekommst du oft eine Antwort, die nicht ganz zu deinem eigenen Bild passt. Manchmal ist sie schmeichelhafter, manchmal weniger. Beide Seiten haben Zugang zu demselben Menschen, und trotzdem kommen zwei unterschiedliche Beschreibungen dabei heraus.

Bild von uns – Woher das Selbstbild eigentlich stammt

Dein Bild von dir selbst ist nicht an einem Tag entstanden. Es hat sich über Jahre aus einzelnen Momenten zusammengesetzt: aus dem, was Eltern oder Lehrer früh über dich gesagt haben, aus einem Erfolg, der besonders viel Aufmerksamkeit bekam, aus einem Fehler, der lange nachwirkte.

Nicht jeder dieser Momente hat dabei gleich viel Gewicht bekommen. Manche wenige haben sich als feste Überzeugung festgesetzt, während unzählige andere Erfahrungen, die dagegensprechen würden, kaum Spuren hinterlassen haben. Ein einziger Satz aus der Kindheit kann so bis heute mehr Einfluss auf dein Selbstbild haben als zehn Jahre gegenteiliger Erfahrung danach.

Warum ausgerechnet dieser eine Satz und nicht ein anderer hängen geblieben ist, lässt sich im Nachhinein selten sauber erklären. Manchmal war es der Zeitpunkt, manchmal die Person, die ihn gesagt hat, manchmal reiner Zufall. Fest steht nur, dass er sich seither wie ein Grundstein anfühlt, obwohl er genauso gut hätte anders ausfallen können.

Bild von uns – Das eigene Bild bestimmt, was du an dir siehst

Steht ein Selbstbild erst einmal fest, filtert es, was du an dir selbst überhaupt wahrnimmst. Hältst du dich für unkreativ, übersiehst du eigene kreative Lösungen, weil sie nicht zu dem passen, was du von dir erwartest. Hältst du dich für tollpatschig, erinnerst du dich vor allem an die Situationen, in denen dir etwas misslungen ist, und weniger an die, in denen alles glattlief.

Das Bild bestätigt sich damit fortlaufend selbst, nicht weil es stimmt, sondern weil du bevorzugt das registrierst, was hineinpasst. Eine Ausnahme wird dann eher als Zufall abgetan als als Anlass, das Bild zu überdenken.

Das lässt sich schwer von innen bemerken, weil sich die Auswahl nicht wie eine Auswahl anfühlt. Es fühlt sich einfach an, als würdest du an dir selbst genau die Dinge wahrnehmen, die eben da sind. Dass ein großer Teil davon vorher schon aussortiert wurde, bleibt dabei unsichtbar.

Der Unterschied zwischen Selbstbild und Außenbild

Andere Menschen sehen dich unter anderen Bedingungen als du dich selbst. Sie sehen dein Verhalten, nicht deine Gedanken dahinter. Sie sehen dich in bestimmten Situationen, nicht in allen. Du dagegen hast Zugang zu deinen eigenen Zweifeln, Ängsten und Absichten, von denen andere nichts wissen.

Das führt oft in zwei entgegengesetzte Richtungen. Manche halten sich selbst für unsicherer, als sie auf andere wirken, weil sie ihre innere Nervosität kennen, die von außen gar nicht sichtbar ist. Andere überschätzen dagegen ihre Wirkung auf andere, weil sie ihre eigenen guten Absichten kennen, ohne zu merken, wie diese bei anderen tatsächlich ankommen.

Beide Richtungen haben gemeinsam, dass die betroffene Person selbst kaum Zweifel an ihrem eigenen Bild hat. Wer sich für unsicherer hält, als er wirkt, ist meistens überrascht, wenn andere ihm genau das Gegenteil zurückmelden, und tendiert dazu, diese Rückmeldung als höfliche Übertreibung abzutun.

Warum ein Kompliment manchmal nicht ankommt

Bekommst du ein Lob, das nicht zu deinem eigenen Bild passt, prallt es häufig ab. Hältst du dich für wenig begabt in einem bestimmten Bereich, und jemand lobt genau diese Leistung, ist die erste Reaktion oft Zweifel: Meint er das ernst? Übertreibt sie nur?

Das Kompliment wird dann nicht als neue Information behandelt, sondern als Fehler in der Wahrnehmung des anderen. Dein eigenes Bild bekommt in diesem Moment mehr Gewicht als die Rückmeldung von außen, selbst wenn diese Rückmeldung objektiv zutreffender wäre.

Wenn das Selbstbild das Verhalten steuert

Ein Selbstbild bleibt nicht folgenlos. Hältst du dich für jemanden, der öffentliches Reden nicht kann, meidest du entsprechende Situationen, sammelst also auch keine Erfahrung darin, die dieses Bild widerlegen könnte. Das Bild schützt sich damit selbst vor Widerlegung, indem es genau die Erfahrungen verhindert, die es infrage stellen würden.

Dasselbe passiert bei positiven Selbstbildern. Hältst du dich für besonders verlässlich, gehst du Verpflichtungen ein, die diesem Bild entsprechen, und bestätigst es damit fortlaufend, unabhängig davon, ob Verlässlichkeit in jeder einzelnen Situation tatsächlich die beste Wahl gewesen wäre.

Wenn sich das Bild plötzlich nicht mehr hält

Manchmal gerät ein Selbstbild ins Wanken, etwa wenn eine wichtige Rolle wegfällt, ein Beruf endet, eine Beziehung zerbricht oder eine Fähigkeit, auf die man sich verlassen hat, plötzlich nicht mehr trägt. In solchen Momenten merkt man, wie sehr das eigene Bild an äußeren Umständen gehangen hat, die man selbst nie so genannt hätte.

Die Verunsicherung, die dabei entsteht, hat oft weniger mit der konkreten Situation zu tun als mit der Erschütterung des Bildes selbst. Man weiß plötzlich nicht mehr genau, wer man ist, weil die gewohnten Anhaltspunkte fehlen, an denen man sich bisher orientiert hat.

Zwei Bilder, ein Mensch

Am Ende laufen bei jedem Menschen zwei Bilder parallel: das eigene, aus der Innenperspektive gebaute, und das der anderen, aus der Außenperspektive entstandene. Keines von beiden ist automatisch richtiger als das andere. Beide sind unvollständig, beide sind gefärbt, nur eben auf unterschiedliche Weise.

Wie groß der Abstand zwischen diesen beiden Bildern tatsächlich ist, merkt man selten von allein. Meistens braucht es einen Anlass dafür, ein ehrliches Gespräch, eine überraschende Rückmeldung oder eine Situation, in der das eigene Bild einfach nicht mehr zur Realität passt.

Bis dahin laufen beide Bilder meistens einfach nebeneinanderher, ohne dass sie sich groß gegenseitig stören. Man selbst hält an seinem Bild fest, die anderen an ihrem, und beide sind ziemlich überzeugt davon, den zutreffenderen Blick auf die Sache zu haben.

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