Angst und Sicherheit

Angst – Warum suchen wir ständig Sicherheit?

Warum wir so schwer mit Unsicherheit umgehen können

Angst kann den Wunsch nach Sicherheit ziemlich groß werden lassen. Du möchtest dann nicht einfach nur wissen, wie etwas ist. Am liebsten möchtest du Gewissheit. Eine Antwort soll eindeutig sein, ein Problem soll geklärt und ein ungutes Gefühl möglichst schnell wieder verschwinden.

Gerade bei Angst kann daraus ein Verhalten entstehen, das zunächst völlig vernünftig wirkt. Du fragst jemanden, ob wirklich alles in Ordnung ist. Du suchst im Internet nach Informationen, überprüfst etwas noch einmal oder gehst einen Gedanken immer wieder durch. Sobald du eine beruhigende Antwort gefunden hast, lässt die Anspannung nach. Für diesen Moment ist wieder etwas Ruhe da. Leider hält diese Ruhe oft nicht lange an.

Irgendwann kommt dir ein weiterer Gedanke. Eine Kleinigkeit passt plötzlich nicht mehr zu der Antwort, die dich gerade beruhigt hat. Vielleicht hast du etwas übersehen. Vielleicht fällt dir eine andere Möglichkeit ein. Schon beginnt die Suche erneut. Wieder wird nachgesehen, nachgefragt oder überlegt. Auf diese Weise kann aus einer einzelnen Unsicherheit ein ständiges Bedürfnis nach Gewissheit werden.

Wenn eine Antwort nicht mehr lange beruhigt

Eine beruhigende Antwort kann sich in einem angespannten Moment unglaublich gut anfühlen. Jemand sagt dir beispielsweise, dass wahrscheinlich alles in Ordnung ist, und plötzlich geht es dir besser. Die Anspannung lässt nach und du kannst dich wieder mit etwas anderem beschäftigen. Doch dann taucht ein neuer Zweifel auf.

War die Antwort wirklich eindeutig? Gibt es vielleicht noch eine andere Möglichkeit? Habe ich die Sache richtig verstanden? Was ist mit diesem einen Punkt, an den ich vorher gar nicht gedacht hatte? Schon ist die Aufmerksamkeit wieder bei dem ursprünglichen Problem.

Genau hier kann sich ein Kreislauf entwickeln. Die Unsicherheit führt dazu, dass du nach einer Antwort suchst, und die Antwort bringt vorübergehende Erleichterung. Nach einiger Zeit reicht diese Erleichterung nicht mehr aus und ein neuer Zweifel entsteht. Wieder wird kontrolliert oder nachgefragt.

Das bedeutet nicht, dass Nachfragen oder Kontrollieren grundsätzlich falsch sind. Natürlich gibt es Situationen, in denen eine Information fehlt und es sinnvoll ist, sie sich zu besorgen. Schwierig wird es erst dann, wenn du merkst, dass du immer wieder dieselbe Sache überprüfst, obwohl du eigentlich längst genug darüber weißt. Dann geht es häufig gar nicht mehr um die Information selbst. Es geht darum, dass die Unsicherheit verschwinden soll.

Der Wunsch, nichts dem Zufall zu überlassen

Besonders schwierig kann das bei Dingen werden, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen. Du kannst dich vorbereiten, planen und informieren. Trotzdem bleibt fast immer etwas offen. Niemand kann vorher mit Sicherheit wissen, wie ein bestimmter Tag verlaufen wird. Wir haben keine Garantie, dass nichts Unangenehmes passiert. Auch eine noch so gründliche Vorbereitung kann keine hundertprozentige Sicherheit schaffen. Gerade dieser Rest kann bei Angst schwer auszuhalten sein.

Dann wird noch einmal geprüft. Du gehst die Situation im Kopf durch, suchst nach möglichen Problemen und überlegst, was alles passieren könnte. Vielleicht findest du daraufhin eine Antwort, die dich beruhigt. Für eine Weile funktioniert das auch. Nur taucht irgendwann wieder etwas auf, das noch nicht geklärt ist.

So kann der Versuch, möglichst viel Sicherheit zu bekommen, am Ende genau das Gegenteil bewirken. Je mehr du kontrollierst, desto mehr Dinge fallen dir auf, die ebenfalls überprüft werden könnten. Rückblickend lässt sich dieses Verhalten leicht verstehen: Du möchtest dich schützen und unangenehme Überraschungen vermeiden. Nur kann aus dem verständlichen Wunsch nach Sicherheit ein Anspruch werden, den das Leben gar nicht erfüllen kann. Denn absolute Sicherheit gibt es nicht.

Zwischen Wissen und Beruhigung liegt ein Unterschied

Ein Gedanke kann dabei helfen, diesen Kreislauf besser zu erkennen:

Brauche ich gerade wirklich noch eine Information – oder möchte ich einfach wieder das beruhigende Gefühl haben, dass alles sicher ist?

Beides kann sich sehr ähnlich anfühlen. Trotzdem ist es nicht dasselbe.

Fehlt dir tatsächlich eine wichtige Information, spricht nichts dagegen, sie zu besorgen. Hast du dagegen bereits mehrfach nachgeschaut und fragst trotzdem noch einmal, weil die bisherige Antwort nicht mehr beruhigt, sieht die Sache anders aus.

Dann kann die nächste Kontrolle zwar für einen kurzen Moment Erleichterung bringen. An dem eigentlichen Problem ändert sie aber nichts: Die Unsicherheit bleibt etwas, das du unbedingt loswerden möchtest. Genau deshalb kann es hilfreich sein, nicht jede neue Frage sofort beantworten zu wollen.

Das bedeutet nicht, dass du wichtige Dinge ignorieren sollst. Es geht vielmehr darum, zwischen einer sinnvollen Handlung und einer Handlung zu unterscheiden, die nur dazu dient, die eigene Anspannung für kurze Zeit zu senken.

Sicherheit und Vertrauen sind nicht dasselbe

Mit der Zeit kann der Wunsch nach Sicherheit immer stärker werden. Dann reicht es nicht mehr, dass wahrscheinlich alles in Ordnung ist. Es soll möglichst ausgeschlossen sein, dass eine Krankheit dahintersteckt, den Angehörigen etwas passiert oder eine bevorstehende Situation schlecht ausgeht. Erst wenn dafür eine möglichst eindeutige Antwort gefunden ist, stellt sich für kurze Zeit Erleichterung ein.

Das Problem daran: Eine solche Garantie kann dir niemand geben.

Auch dann nicht, wenn du noch mehr Informationen sammelst. Und genauso wenig, wenn du eine Sache fünfmal überprüfst. Und selbst dann nicht, wenn du alles bis ins kleinste Detail planst.

Vertrauen funktioniert anders. Es bedeutet nicht: „Ich weiß, dass nichts passieren wird.“

Vielmehr steckt darin der Gedanke: „Ich weiß nicht, was passieren wird. Aber wenn etwas passiert, werde ich mich damit auseinandersetzen können.“

Das ist keine Garantie. Es ist eine andere Einstellung zur Ungewissheit.

Du musst dafür auch nicht davon überzeugt sein, dass immer alles gutgehen wird. Das wäre schließlich genauso unrealistisch wie die Vorstellung, alles vollständig kontrollieren zu können. Es reicht zunächst, anzuerkennen, dass du nicht jede Entwicklung vorhersehen kannst. Ein Teil des Lebens bleibt offen.

Erfahre hier mehr über „Selbstvertrauen und Angst“.

Nicht jeder Gedanke braucht eine Antwort

Wenn sich ein Gedanke immer wieder aufdrängt, entsteht schnell der Eindruck, man müsse ihn klären. Doch nicht jede Befürchtung lässt sich durch Nachdenken lösen. Du kannst zehnmal überlegen, ob etwas passieren könnte, und danach trotzdem nicht mehr wissen als vorher. Mit jeder weiteren Überlegung wird die Sache häufig nur größer. Deshalb kann es manchmal sinnvoller sein, einen Gedanken nicht weiterzuverfolgen.

Er darf da sein. Eine Antwort muss nicht sofort gefunden werden. Auch eine Unsicherheit kann einmal unbeantwortet bleiben, ohne dass du deshalb etwas falsch machst. Das ist gerade am Anfang ungewohnt. Schließlich hast du vielleicht lange die Erfahrung gemacht, dass Nachfragen, Kontrollieren oder Nachdenken kurzfristig Erleichterung bringen. Wenn du dieses Verhalten veränderst, kann sich die Unsicherheit zunächst sogar stärker bemerkbar machen. Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas schiefgeht. Du bemerkst lediglich deutlicher, wie schwer es dir geradefällt, etwas offen zu lassen. Was im Kopf passiert, lässt sich manchmal unterbrechen

Wenn sich Gedanken immer weiter im Kreis drehen, muss das nicht bedeuten, dass du sie mit aller Kraft stoppen musst. Manchmal reicht es, die Aufmerksamkeit für eine Weile auf etwas anderes zu lenken.

Mental die Gedanken umlenken

Ich habe viele Methoden auspropiert, um „ängstliche“ Gedanken umzulenken. Diese Methoden haben mir persönlich sehr geholfen.

1. Das Länder-ABC

Ich gehe im Kopf das Alphabet durch und suche zu jedem Buchstaben ein Land. Bei A beginne ich zum Beispiel mit Australien, bei B mit Belgien und bei C mit Chile. Danach geht es weiter: Dänemark, Ecuador, Frankreich, Griechenland und so weiter.

Das klingt zunächst ziemlich simpel. Genau das gefällt mir daran. Ich muss mich auf die nächste Aufgabe konzentrieren und überlegen, welches Land zum nächsten Buchstaben passt. Dadurch bekommt der Gedankenkreislauf weniger Aufmerksamkeit. Wenn ich bei einem Buchstaben nicht sofort ein Land finde, überlege ich kurz weiter, statt wieder bei meinen ursprünglichen Gedanken einzusteigen.

2. Rückwärtszählen und Quersummen bilden

Bei dieser Methode zähle ich rückwärts und bilde gleichzeitig die Quersumme der jeweiligen Zahl. Ich beginne beispielsweise bei 100. Die Quersumme von 100 ist 1. Danach kommt 99, dessen Quersumme 18 ist. Und die nächse Quersumme ist 9 (aus 18). DANN: Bei 98 komme ich auf 17, und als nächste Quersumme: 8. Dann: bei 97 auf 16, und die nächste Quersumme: 7. Und so weiter.

Für mich ist gerade diese Kombination interessant. Ich beschäftige mich nicht mit dem Gedanken, der mich vorher beschäftigt hat, sondern mit einer ganz konkreten Aufgabe. Mein Kopf bekommt etwas zu tun, das nichts mit der ursprünglichen Gedankenspirale zu tun hat.

Beide Methoden sollen meine Gedanken nicht einfach wegdrücken. Ich nutze sie vielmehr, wenn ich merke, dass ich mich gerade immer weiter in etwas hineinsteigere und einen bewussten Abstand brauche. Dann kann es helfen, die Aufmerksamkeit gezielt auf etwas anderes zu richten.

Gedanken und Angst – bedeutet, dass die Angst nicht dann beginnt, wenn etwas passiert. Vielmehr schon mit dem ersten Gedanken.

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