Das Innere Kind – was bis heute geblieben ist

Was hat die Kindheit mit Angst und Panik zu tun?
Wenn ich meine Angst verstehen will, kann ich nicht erst bei der ersten intensiven Angstphase oder Panikattacke anfangen. Die Wurzeln liegen früher. Es gab keinen bestimmten Morgen, an dem ich aufwachte und plötzlich ängstlich war – so einfach ist das nicht. Aber mit Abstand betrachtet sehe ich in meiner Kindheit viele Dinge, die ich damals nicht einordnen konnte und deren Nachwirkung ich erst sehr viel später begriff.
Ich war ein stilles Kind. Nicht einsam, ich hatte Freunde und habe gespielt wie andere auch. Trotzdem hatte ich früh das Gefühl, irgendwie anders zu sein. Andere Kinder gingen auf Menschen zu, sagten ungefiltert, was sie dachten, behaupteten sich, ohne lange zu überlegen, ob ihr Verhalten jemandem passte. Ich konnte das nicht. Vielmehr habe ich lieber beobachtet, abgewogen, was wohl richtig sein könnte, und mich zurückgehalten. Lange hielt ich das für meinen Charakter. Schüchtern eben, wenig selbstbewusst, so ist man halt. Heute sehe ich das anders. Ich glaube nicht, dass ein Kind so wird, ohne dass seine Umgebung daran beteiligt ist.
Das Innere Kind und die Stimmung im Elternhaus
Zu Hause war die Atmosphäre oft schwer einzuschätzen. Einerseits gab es Überbehütung, andererseits Kontrolle, dazu klare Vorgaben und Erwartungen. Meine Mutter hatte genaue Vorstellungen davon, was ich tun, was ich lassen und wie ich mich verhalten sollte. Für Eigenständigkeit war in diesem Rahmen wenig Platz.
Am stärksten war für mich die Erfahrung, dass Zuwendung nicht verlässlich war. Verhielt ich mich wie erwartet, war die Lage entspannt. Widersprach ich oder tat etwas, das meiner Mutter nicht passte, wurde sie kalt und abweisend. Dann kam das Schweigen, das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, und die spürbare Erfahrung, dass Liebe entzogen wird. Für ein Kind ist das eine schwierige Lage, weil es nicht einfach feststellen kann: Das ist das Problem meiner Mutter. Ein Kind braucht seine Eltern und versucht deshalb, die Beziehung wieder in Ordnung zu bringen.
Ich wollte es meiner Mutter recht machen. Nicht aus besonderer Angepasstheit, sondern weil ich verhindern wollte, dass etwas passiert, das die Stimmung kippen lässt. Also habe ich beobachtet. Wie ist sie drauf? Was darf ich sagen, was lieber nicht? Habe ich etwas falsch gemacht? Könnte sie jetzt enttäuscht oder wütend sein? Mit der Zeit wird das zur Gewohnheit. Man merkt nicht mehr, dass man permanent in Alarmbereitschaft ist. Für mich war es irgendwann normal, die Stimmung anderer Menschen fein zu lesen und mein Verhalten danach auszurichten.
Dazu kam, wie meine Mutter über andere sprach. Sie konnte sich stark über Menschen aufregen und ihnen vorwerfen, schlecht oder unzuverlässig zu sein. Zu Hause wurde vieles lautstark ausgetragen. Enge Freundschaften meiner Eltern habe ich kaum erlebt. Kam jemand näher, konnte die Beziehung schnell wieder enden, wenn meiner Mutter etwas an dem Menschen nicht passte. Das geschah in der Nachbarschaft, aber auch innerhalb der Familie. Als Kind sitzt man mittendrin, hört, wie über andere gesprochen wird, erlebt die heftigen Reaktionen und bekommt mit, dass Beziehungen offenbar jederzeit schwierig werden können.
Krankheitsangst: Meine Mutter und die ständige Sorge vor Krebs
Ein weiterer Teil meiner Geschichte dreht sich um Krankheiten. Meine Mutter hatte große Angst vor gesundheitlichen Problemen. Ein kleines Zipperlein konnte sie lange beschäftigen, sie konnte sich hineinsteigern und befürchten, ernsthaft krank zu sein. Besonders die Angst vor Krebs habe ich schon als Kind mitbekommen.
Für ein Kind ist das keine abstrakte Erfahrung. Wenn die Mutter wegen einer körperlichen Beschwerde große Angst bekommt, erlebt man direkt mit: Da könnte etwas Schlimmes sein. Der Körper wird mit Gefahr verbunden. Und weil meine Mutter diese Angst immer wieder hatte, habe ich gelernt, dass jedes kleine Symptom eine große Bedeutung haben muss.
Damals wusste ich nicht, dass sich solche Erfahrungen später auf die eigene Wahrnehmung auswirken können. Ich habe einfach erlebt, wie meine Mutter mit Beschwerden umging. Erst Jahrzehnte später, als meine eigenen Ängste stärker wurden und sich zunehmend um meine Gesundheit und meinen Körper drehten, fiel mir auf, wie vertraut mir manche dieser Reaktionen war.
Ich will daraus keine einfache Erklärung formulieren. Es wäre falsch zu behaupten, meine Mutter habe meine Angststörung verursacht. So etwas lässt sich nicht auf einen Auslöser reduzieren. Aber diese Erfahrung gehört zu meiner Lebensgeschichte und zu dem, was ich gelernt habe. Die Angst vor Krankheit war schon in meiner Kindheit Teil der Welt, in der ich aufwuchs. Vielleicht erklärt das zumindest einen Teil davon, warum ich später körperliche Veränderungen so genau wahrgenommen habe. Ein Herzschlag war irgendwann nicht mehr nur ein Herzschlag. Schwindel war nicht einfach Schwindel. Eine ungewöhnliche Empfindung konnte sofort die Frage auslösen, ob etwas Ernstes dahintersteckt.
Glaubenssätze aus der Kindheit und der Verlust des eigenen Vertrauens
Die Folgen zeigten sich nicht nur im Denken. Ich wurde schnell rot, wenn mir etwas unangenehm war. Beim Sprechen konnte ich ins Stammeln geraten, Blickkontakt fiel mir nicht immer leicht, und viel Selbstvertrauen hatte ich nicht. Andere Kinder konnten sich durchsetzen, ich machte eher einen Schritt zurück.
Heute würde ich das nicht mehr als mangelnden Mut bezeichnen. Ein Kind, das gelernt hat, sich stark an den Erwartungen anderer zu orientieren, entwickelt nicht automatisch die Fähigkeit, selbstbewusst für die eigenen Wünsche einzustehen. Dafür braucht es Erfahrungen: etwas ausprobieren, einen Fehler machen, merken, dass nichts Schlimmes passiert, eine eigene Entscheidung treffen und erleben, dass man damit zurechtkommt. Bei mir war vieles von Vorsicht geprägt. Ich wollte nichts falsch machen und keinen Ärger provozieren. Also habe ich beobachtet, während andere schon mittendrin waren.
Nach außen war das vielleicht nicht dramatisch. Ich hatte Freunde, konnte spielen. Innerlich war ich unsicherer, als es aussah. Mit der Zeit entstand daraus ein geringes Vertrauen in mich selbst. Andere wirkten sicherer, während ich viel darüber nachdachte, wie ich ankomme und ob mein Verhalten richtig ist. Eine solche Unsicherheit verschwindet nicht automatisch, nur weil man älter wird.
Erst in der Therapie wurde mir bewusst, wie tief bestimmte Überzeugungen aus der Kindheit reichen. Es waren keine einzelnen Sätze, an die ich mich bewusst erinnere. Es waren innere Regeln, nach denen ich mich richtete. Ich hatte gelernt, dass ich mich anpassen muss. Dass es besser ist, keinen Fehler zu machen. Dass die Stimmung meiner Mutter etwas mit meinem Verhalten zu tun haben könnte. Dass die Bedürfnisse anderer wichtiger sind als meine eigenen. Solche Gedanken fühlen sich irgendwann so normal an, dass man nicht mehr erkennt, dass sie einmal entstanden sind.
Genau das ist für mich einer der interessantesten Punkte. Ich habe viele Jahre geglaubt, bestimmte Eigenschaften gehörten einfach zu mir. Mein Perfektionismus. Das starke Verantwortungsgefühl. Die Schwierigkeit, Nein zu sagen. Die ständige Anpassung und die Angst, jemanden zu enttäuschen. Die Zweifel, ob ich etwas richtig gemacht habe. Erst später konnte ich diese Dinge miteinander verbinden.
Was ich heute besonders deutlich erkenne: Meine eigenen Bedürfnisse hatten in meiner Kindheit wenig Platz. Vieles drehte sich darum, was meine Mutter wollte, was sie erwartete und wie es ihr gerade ging. Ich habe mich angepasst und versucht, es ihr recht zu machen. Wenn sie Sorgen hatte oder schlecht gelaunt war, beschäftigte mich das ebenfalls. Irgendwann war es selbstverständlich, mehr darauf zu achten, wie es ihr ging, als darauf, wie es mir ging. Ich war gewohnt, mich zurückzunehmen, Rücksicht zu nehmen und keinen Anlass für Ärger zu geben. Erst viele Jahre später habe ich verstanden, dass ich meine eigenen Bedürfnisse überhaupt erst wieder kennenlernen musste. Die Frage „Was will eigentlich ich?“ war für mich nicht selbstverständlich.
Und genau hier sehe ich einen wichtigen Teil meiner Geschichte: Meine Angst ist nicht irgendwann aus dem Nichts entstanden. Sie steht im Zusammenhang mit vielen Jahren, in denen Unsicherheit, Anpassung und die Sorge, etwas falsch zu machen, eine große Rolle spielten. Meine Mutter hat zudem versucht, mich stark an sich zu binden. Vieles, was ich erfahren hatte, übertrug ich auf mein Leben: die Beobachtung der Stimmung anderer, die Kontrolle der Umgebung – und schließlich die Kontrolle über mich selbst. Wie fühle ich mich gerade? Ist dieses Herzklopfen normal? Warum ist mir schwindelig? Was könnte dahinterstecken? Wird jetzt eine Panikattacke kommen? Die alte Wachsamkeit hatte ein neues Ziel gefunden.
Aus Unsicherheit wurden Angst und Panik
Seit etwa 20 Jahren spielt die Angststörung eine große Rolle in meinem Leben. Dazu kamen Panikattacken, gesundheitliche Sorgen und die Angst vor der Angst. Mit etwa 48 Jahren war die Angst zeitweise so stark, dass ich überzeugt war, meinen 50. Geburtstag nicht mehr zu erleben. Das klingt heute unglaublich, damals war es für mich keine theoretische Befürchtung.
Genau das macht Angst so schwer verständlich für Menschen, die sie nicht selbst erlebt haben. Man kann wissen, dass ein Gedanke übertrieben ist, und trotzdem fühlt er sich vollkommen wahr an. Bei einer Panikattacke geht es nicht nur um einen Gedanken. Der Körper reagiert: Herzrasen, Schwindel, Atemprobleme, Zittern. Für jemanden, der ohnehin gelernt hat, körperliche Veränderungen aufmerksam zu beobachten, ist das eine enorme Herausforderung. Nach einer solchen Erfahrung kommt schnell die nächste Sorge: Was passiert, wenn es wieder passiert? Ich hatte nicht mehr nur Angst vor einer Situation, sondern vor meinen eigenen Reaktionen. Schon die Vorstellung einer Panikattacke konnte mich beschäftigen.
Der Wendepunkt: Therapie und das Gespräch mit meinen Eltern
Lange sah ich meine Panikattacken und meine Kindheit als zwei getrennte Dinge. In der Therapie begann sich das Bild zu verändern. Ich setzte mich intensiver mit meiner Vergangenheit auseinander und erkannte, wie viele meiner heutigen Reaktionen in früheren Erfahrungen angelegt sein könnten: die ständige Anpassung, die Angst vor Fehlern, das Bedürfnis, alles richtig zu machen, die Sorge vor Ablehnung, das Gefühl, für andere verantwortlich zu sein. Auch der Umgang meiner Mutter mit mir bekam eine andere Bedeutung. In der Therapie wurde mir vermittelt, dass bestimmte Erfahrungen als emotionaler Missbrauch eingeordnet werden können. Diese Erkenntnis war schwer, aber wichtig – denn sie bedeutete auch, dass ich nicht für alles verantwortlich war, was in meiner Kindheit vorgefallen ist.
Besonders deutlich wurde mir das in der schlimmsten Phase meiner Angststörung. Meine Mutter wusste, wie schlecht es mir ging, weil ich mit ihr gesprochen hatte. Trotzdem kam nicht die Frage, die ich mir als Sohn gewünscht hätte: „Wie geht es dir?“ Während der vier schlimmsten Jahre meines Lebens, in denen Angst und Panik mir das Leben zur Hölle machten, haben meine Eltern nie bei mir nachgefragt.
Trotzdem war es mein Bedürfnis, mit ihnen über meine Probleme zu sprechen. Ich wollte das, und ich bin in die Offensive gegangen. Zunächst schrieb ich einen 14-seitigen Brief und schickte ihn meinen Eltern. Ich hatte gehofft, dass meine Sicht einmal wirklich gehört würde. Das Gespräch verlief dann in eine Richtung, die mir sehr bekannt vorkam. Am Ende fühlte ich mich erneut als derjenige, der etwas falsch gemacht hatte, während meine Mutter ihr eigenes Verhalten nicht infrage stellte. Sie setzte ihren Willen durch, gebrauchte ihre Glaubenssätze, drängte mich in die Ecke: „Du enttäuschst deine Mutter.“ Und schließlich: „Da hat dich dein Psychologe aber ordentlich gegen deine Mutter aufgehetzt.“
Ich wollte keine Vorwürfe gegen meine Eltern vorbringen. Mein Ziel war es, miteinander zu sprechen, zu verstehen und neu anzufangen. Aber das war der Zeitpunkt, an dem ich erkannte, dass es nicht möglich ist. Ich konnte nicht mein ganzes Leben damit verbringen, die Beziehung dadurch aufrechtzuerhalten, dass ich mich immer weiter zurücknehme. Deshalb habe ich mich innerlich distanziert und schließlich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. Das war keine leichte Entscheidung. Gerade wenn man seit der Kindheit gelernt hat, sich für die Gefühle eines anderen Menschen verantwortlich zu fühlen, ist Abgrenzung alles andere als selbstverständlich.
Heute versuche ich, meine Geschichte anders zu sehen
Meine Kindheit kann ich nicht ändern. Meine Mutter kann ich nicht rückwirkend zu einem anderen Menschen machen. Was ich verändern kann, ist mein Blick auf das, was vorgefallen ist.
Wenn ich heute an den kleinen Jungen zurückdenke, der ich einmal war, sehe ich nicht mehr nur ein Kind mit zu wenig Selbstbewusstsein. Ich sehe einen Jungen, der gelernt hatte, vorsichtig zu sein. Der die Stimmung zu Hause beobachtete, Fehler vermeiden wollte und sich anpasste, um möglichst wenig Probleme zu verursachen. Ein Kind, das seine eigenen Bedürfnisse häufig zurückstellte und nicht immer darauf vertrauen konnte, dass seine Gefühle und seine Wahrnehmung richtig waren. Und das immer darauf achtete, dass seine Mutter keinen Kummer und keine Sorgen hatte.
Vieles davon habe ich mit ins Erwachsenenleben genommen. Perfektionismus, Selbstzweifel, ein starkes Verantwortungsgefühl, Schwierigkeiten mit Abgrenzung und die Angst vor Ablehnung waren lange Teil meines Lebens. Dazu kamen gesundheitliche Sorgen, Angststörungen, Panikattacken und schließlich die Angst vor der Angst.
Ich möchte nicht behaupten, meine Kindheit erkläre alles. Das wäre zu einfach. Aber sie erklärt einen Teil. Und diesen Teil habe ich erst spät verstanden. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich nicht nur über Panikattacken und Angststörungen schreiben möchte, sondern auch über das, was dahinterliegen kann: über Kindheit, Erziehung, Unsicherheit, alte Glaubenssätze und die Frage, warum manche Ängste einen Menschen über so viele Jahre begleiten.
Meine Geschichte ist keine Anleitung für andere und schon gar kein Beweis dafür, dass jede Angststörung in der Kindheit entsteht. Es ist schlicht meine Geschichte. Heute kann ich damit umgehen, weil ich gelernt habe, dass mein Leben im Hier und Jetzt wichtiger ist. Ja, manchmal habe ich noch Angst oder verfalle in alte, erlernte Verhaltensweisen. Aber ich erkenne sie – genauso wie meine Angst.






