Angst akzeptieren

Mit Angst leben, ohne das eigene Leben nach ihr auszurichten

Angst akzeptieren

Angst akzeptieren klingt zunächst vielleicht etwas merkwürdig. Schließlich möchte man Angst normalerweise loswerden. Wenn sie unangenehm wird, versucht man, sie zu vermeiden, zu kontrollieren oder möglichst schnell wieder wegzubekommen. Genau da kann allerdings ein Problem entstehen: Je mehr sich im Alltag alles darum dreht, Angst zu verhindern, desto mehr Platz bekommt sie.

Akzeptieren bedeutet dabei keineswegs, die Angst gut zu finden oder sich mit ihr abzufinden. Es bedeutet auch nicht, jede Angst einfach hinzunehmen und nichts dagegen zu unternehmen. Gemeint ist etwas viel Einfacheres: Die Angst ist gerade da und trotzdem muss nicht das gesamte Leben nach ihr ausgerichtet werden.

Angst muss nicht erst verschwinden um glücklich zu sein

Ein Gedanke, der bei Angst schnell entsteht, lautet: „Wenn ich wieder normal leben möchte, muss diese Angst zuerst weg sein.“ Das klingt logisch, kann aber zu einer ziemlich schwierigen Voraussetzung werden.

Denn wann ist die Angst wirklich vollständig verschwunden? Und woran merkt man, dass man jetzt endlich wieder alles machen darf?

Wer auf diesen Zeitpunkt wartet, vergeht möglicherweise viel Zeit unseres Lebens. Angst kann kommen und gehen. An manchen Tagen ist sie kaum bemerkbar, an anderen Tagen steht sie deutlich stärker im Vordergrund. Das gehört zur Realität vieler Menschen, die schon länger mit Angst zu tun haben.

Akzeptanz kann deshalb bedeuten, die Reihenfolge zu verändern. Nicht: Erst muss die Angst weg, dann kann ich wieder leben. Sondern eher: Die Angst ist da, und ich entscheide trotzdem, was für mich wichtig ist.

Das ist ein großer Unterschied.

Akzeptieren heißt nicht, dass wir aufgeben

Mit dem Wort „Akzeptanz“ wird manchmal etwas verbunden, das überhaupt nicht gemeint ist. Es klingt schnell nach: „Dann muss ich eben damit leben.“ Darum geht es nicht.

Wenn jemand Angst hat, darf er selbstverständlich etwas dafür tun. Er darf sich Unterstützung holen, eine Therapie beginnen, sich mit seinen Gedanken beschäftigen oder Schritt für Schritt Situationen verändern. Akzeptanz steht dem nicht entgegen. Es geht vielmehr darum, die Tatsache anzuerkennen, dass Angst im Moment vorhanden ist. Man muss nicht zusätzlich dagegen ankämpfen, dass man überhaupt Angst hat.

Ein Beispiel: Jemand hat Angst davor, mit dem Auto eine längere Strecke zu fahren. Die Angst ist da. Nun kann er jede einzelne Körperempfindung beobachten, überlegen, ob heute vielleicht etwas passieren könnte, die Strecke mehrfach prüfen und am Ende die Fahrt absagen. Oder er stellt fest: „Ich habe gerade Angst. Trotzdem möchte ich heute zu diesem Termin fahren.“

Die Angst wird dadurch nicht automatisch verschwinden. Aber sie entscheidet auch nicht mehr allein darüber, was passiert.

Wenn Angst zum Mittelpunkt des Alltags wird

Besonders schwierig wird es, wenn immer mehr Entscheidungen nach der Angst getroffen werden. Dann wird vielleicht ein Restaurant ausgewählt, weil es einen schnellen Ausgang gibt. Ein Ausflug wird abgesagt, weil die Strecke unbekannt ist. Das Treffen findet nicht statt, weil man sich heute nicht gut fühlt. Eine bestimmte Situation wird vermieden, weil die Angst möglicherweise wiederkommen könnte.

Ein einzelner Verzicht ist dabei überhaupt nichts Ungewöhnliches. Jeder Mensch sagt einmal etwas ab, weil er keine Lust hat, müde ist oder etwas anderes vorhat. Problematisch wird es erst, wenn die Angst immer häufiger das entscheidende Kriterium ist. Dann wird das Leben nach und nach kleiner, obwohl man eigentlich gar nicht weniger leben möchte.

Die Angst nicht zum Maßstab machen

Eine hilfreiche Frage kann deshalb manchmal sein: „Was würde ich jetzt tun, wenn die Angst bei dieser Entscheidung keine Rolle spielen würde?“

Damit ist nicht gemeint, die Angst einfach zu ignorieren. Vielmehr bekommt die eigene Entscheidung wieder einen zweiten Bezugspunkt.

Vielleicht gibt es Dinge, die du wegen der Angst schon länger vermeidest: einen Freund besuchen, eine Reise machen, ins Kino gehen oder einfach spontan irgendwohin fahren. Gerade solche alltäglichen Dinge können wichtig sein, weil sie mit dem zu tun haben, was dein Leben ausmacht – und nicht mit der Angst.

Die Angst sagt dabei nicht automatisch, was man tun soll. Sie ist eine vorhandene Erfahrung – aber sie muss nicht zum Maßstab für jede Entscheidung werden.

Das kann anfangs ungewohnt sein. Wer lange versucht hat, Angst zu vermeiden, kennt häufig gar nicht mehr genau den Unterschied zwischen „Ich möchte das nicht“ und „Ich würde es eigentlich gerne machen, aber ich habe Angst davor.“ Dieser Unterschied ist wichtig.

Angst aushalten, ohne sie ständig zu überprüfen

Ein weiterer Punkt betrifft die ständige Selbstbeobachtung. Wie stark ist die Angst gerade? Wird sie stärker? Ist mein Herz schneller? Fühlt sich das noch normal an? Was passiert, wenn es schlimmer wird? Solche Fragen können sehr viel Aufmerksamkeit binden.

Natürlich ist es sinnvoll, auf sich zu achten. Doch wenn jede kleine Veränderung sofort überprüft und bewertet wird, dreht sich irgendwann wieder alles um die Angst. Manchmal kann es hilfreicher sein, eine unangenehme Empfindung einfach festzustellen, ohne daraus sofort eine weitere Untersuchung zu machen.

„Da ist gerade Angst.“ Mehr muss aus diesem Moment nicht unbedingt werden.

Angst muss nicht sofort verschwinden

Wenn Angst auftaucht, entsteht häufig der Wunsch, dass dieses unangenehme Gefühl möglichst schnell wieder aufhört. Man versucht sich zu beruhigen, sucht nach einer Erklärung oder beschäftigt sich intensiv damit, woher die Angst gerade kommt. Manchmal richtet sich dadurch die ganze Aufmerksamkeit auf das Gefühl selbst.

Angst akzeptieren bedeutet etwas anderes. Sie darf zunächst einfach vorhanden sein. Man muss nicht sofort herausfinden, warum sie da ist, und man muss auch nicht versuchen, sie unmittelbar zu verändern. Angst kann unangenehm sein, ohne dass man deshalb ständig etwas gegen sie unternehmen muss. Manchmal kann man eine Weile mit dem unangenehmen Gefühl leben und die Entscheidung trotzdem nach den eigenen Wünschen treffen.

Das bedeutet nicht, leichtsinnig zu werden. Eine reale Gefahr bleibt eine reale Gefahr. Wenn etwas tatsächlich gefährlich ist, sollte man entsprechend handeln. Bei vielen alltäglichen Ängsten geht es jedoch weniger um eine objektive Gefahr als um die Frage, wie man eine Situation einschätzt und mit der vorhandenen Unsicherheit umgeht.

Das eigene Leben bleibt wichtig

Angst kann viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Trotzdem besteht das Leben aus deutlich mehr als Angst. Da sind Beziehungen, Familie, Arbeit oder Ruhestand, Hobbys, Reisen, Natur, Musik, Gespräche, kleine alltägliche Dinge und persönliche Interessen. Was davon wichtig ist, unterscheidet sich natürlich von Mensch zu Mensch. Gerade deshalb lohnt sich die Frage: Was möchte ich trotz meiner Angst nicht aufgeben?

Das kann etwas ganz Einfaches im Alltag sein. Vielleicht ein regelmäßiger Spaziergang. Das Treffen mit einem Freund. Ein Besuch bei der Familie. Ein Hobby, das lange vernachlässigt wurde.

Es muss nicht sofort das große Comeback ins völlig angstfreie Leben sein. Entscheidend ist, dass wieder Dinge stattfinden, die nicht allein wegen der Angst ausgewählt oder abgesagt werden.

Angst darf da sein – aber sie muss nicht bestimmen

Angst zu akzeptieren bedeutet letztlich nicht, eine besondere Einstellung zur Angst entwickeln zu müssen. Es geht um einen nüchternen Umgang mit etwas, das gerade vorhanden ist.

„Ich habe Angst“ ist eine Feststellung. „Deshalb kann ich das nicht machen“ ist bereits eine Entscheidung.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein wichtiger Unterschied.

Wer diesen Unterschied nach und nach wahrnimmt, kann wieder mehr Spielraum bekommen. Nicht unbedingt, weil die Angst sofort schwächer wird, sondern weil neben der Angst wieder andere Dinge berücksichtigt werden: eigene Wünsche, persönliche Werte, Beziehungen, Interessen und das ganz normale Bedürfnis, sein Leben zu leben. Angst darf also durchaus Teil des eigenen Lebens sein. Sie muss nur nicht dessen Mittelpunkt werden.

Vielleicht ist genau das eine der realistischsten Formen von Akzeptanz: Die Angst muss nicht verschwunden sein, damit das eigene Leben weitergehen darf.

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